Drop-off and pick-up line

Foto von carline

Morgens und nachmittags reihen sich hunderte, tausende von Eltern mit ihren Autos in die sogenannten „carlines“ ein, um ihre Kinder von der Schule oder dem Kindergarten abzuholen. In jedem Auto hängt eine dem Kind zugeordnete Nummer. Auf diese Weise werden die Kinder je nach Position der Eltern in der „carline“ aus der Schule entlassen. Morgens werden die Kinder auf dem gleichen Weg in die Schule gebracht, immerhin, von der Autotür bis zur Schultür dürfen sie ein Stück Schulweg zu Fuß zurücklegen. Allerdings sind auch diese paar Meter nicht unbeaufsichtigt, sondern Freiwillige, Lehrer oder Mitschüler helfen den Kindern aus dem Auto, schließen die Autotüren und helfen den Kindern die letzten Meter zum Schultor zurückzulegen.

Es gibt mehrere Gründe für das alltägliche Prozedere: Zunächst sind die Wege zwischen Haus und Schule meist zu weit, um sie zu Fuß oder mit dem Rad zu überwinden. Also sind die Kinder auf den privaten Transport oder Schulbusse angewiesen, letztere nehmen die Kleinen (Kl. 1-4) aber gar nicht mit. Zudem fahren die öffentlichen Schulbusse nicht die privaten Schulen an, so dass dort mehr als anderswo Platz für private PKW vorhanden sein muss. Außerdem haben die Schulen Probleme mit privaten Klagen. So kommt es immer wieder vor, dass Eltern die Schule verklagen, weil sich ihre Kinder auf dem Schulgelände verletzt haben. Aus diesem Grund dürfen die Schüler nicht einmal unbeaufsichtigt den Parkplatz der Schule überqueren, geschweige denn unbegleitet alleine morgens das Schulgelände betreten oder nachmittags verlassen. Eine weitere Ursache ist schlicht und ergreifend die Angst der Eltern, dass ihren Kindern etwas zustoßen könnte. Tatsächlich, so absurd das auch klingt, wittern viele Amerikaner hinter dem nächsten Busch einen Serienkiller. Das führt dazu, dass die Eltern die außerhäuslichen Freiräume ihrer Sprösslinge immer enger eingrenzen. Das bezieht sich natürlich auch auf den Schulweg, der von der Haustür bis zur Schultür unter keinen Umständen unbeaufsichtigt zurückgelegt werden darf. (Hier ein anschaulicher Artikel zu dieser Thematik.)

Jeden Tag, wenn ich wieder einmal in einer „carline“ stehe, denke ich an den Auftrag, den sich die Schule und der Kindergarten unserer Kinder auf die Fahne geschrieben hat: Wir wollen ihren Kindern zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. Dann muss ich lächeln über diese Widersprüchlichkeit, bevor ich auf den Knopf drücke und sich die Schiebetür des Autos automatisch öffnet.